ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

Mapuche-Kinder in Chile organisieren sich

Kinder und Jugendliche der Mapuche haben sich in Chile in einem Netzwerk organisiert. Unter dem Motto „Freie Kinder gegen Unterdrückung“ haben sie Ende Januar ihr drittes überregionales Treffen veranstaltet. Es fand auf einem Gelände im Süden Chiles statt, das sich die Widerstandsbewegung der Mapuche zuvor wieder angeeignet hatte.

Das Einladungsplakat zum Kindertreffen am 18./19. Januar 2020.

Banneraufschrift: “Wir wollen eine freie Kindheit. Schluss mit der Repression gegen die Mapuche-Kinder!”

Kinder im Gespräch mit den Müttern.

Bei einem Video-Workshop.

Mädchen tragen sich für die Workshops ein.

Die Mapuche („Menschen der Erde“) leben seit mehreren tausend Jahren auf einem weiträumigen Gebiet, das heute zu Chile und Argentinien gehört. Sie haben eine eigene Sprache (Mapudungun), die trotz Unterdrückung bis heute in vielen Familien gesprochen wird. Den spanischen Eroberern war es nie gelungen, die Mapuche zu unterwerfen. Erst nach dem Ende der Kolonialzeit wurden sie Ende des 19. Jahrhunderts in Kriegen, die sich als „Befriedungsaktionen“ tarnten, besiegt und in die Republiken von Chile und Argentinien einverleibt. Ihnen wurde das Land weggenommen und europäischen Kolonisten übergeben, die es bis heute als ihren Privatbesitz betrachten (darunter auch viele Deutsche). Lediglich kleine Gebiete wurden ihnen als Gnade überlassen. Ohne ausreichendes Land litten die Mapuche unter Hunger und viele mussten in die Städte emigrieren.

Seit den 1990er Jahren hat sich der Widerstand der Mapuche neu organisiert und kämpft – zum Teil mittels Landbesetzungen – für die Rückgabe des geraubten Landes an die indigenen Gemeinden. Während die Mapuche ebenso wie die Angehörigen anderer indigener Gemeinschaften seit der Kolonialzeit als „primitiv“ und „rückständig“ diffamiert wurden, werden die Aktiven heute als „Terroristen“ verfolgt. Zahlreiche Jugendliche wurden ermordet, andere befinden sich als politische Gefangene in den Gefängnissen. Auch Kinder sind von den Verfolgungen betroffen.

In Chile haben sich Mapuche-Kinder in einem Netzwerk organisiert, um sich gegen die Unterdrückung zu wehren, ihre Kultur wiederzubeleben sowie für ihre Rechte und für politische Selbstbestimmung einzutreten. Sie verstehen sich als Teil der indigenen Widerstandsbewegung. Das Treffen im Januar diente dazu, sich Kenntnisse anzueignen, die sie für ihre aktive Teilnahme am Widerstand benötigen und die ihr Selbstbewusstsein stärken. Mithilfe kundiger Erwachsener wurden zahlreiche Werkstätten veranstaltet. Sie befassten sich mit vielfältigen Themen wie traditionellen Webtechniken für Kleidung, Bedrucken von T-Shirts und Transparenten (Serigrafie), Gebrauch von Kameras für die Herstellung von kurzen Dokumentarfilmen, Gestaltung von Radioprogrammen, Gebrauch traditioneller Musikinstrumente, traditionelle Tänze, HipHop, Breakdance, Jonglieren, Techniken zur Herstellung von Broschüren und zusammen mit all dem die Kenntnis ihrer Rechte und die Geschichte der Mapuche und ihres Widerstands. Eine Gruppe von Mädchen betreibt eine interaktive Website, in der über den Kampf der Mapuche informiert wird und die eigene Sprache wieder gelernt werden kann.

Zu den weiteren Zielen des Netzwerks gehört, sich für die Entkolonisierung der Lehrinhalte und interkulturelle und zweisprachige Bildung in den Schulen einzusetzen. Es fordert die Freilassung der politischen Gefangenen, die Aufklärung der durch die militarisierte Polizei (Carabineros) begangenen Verbrechen, die Beendigung des Raubbaus an den Naturschätzen durch die extraktivistischen Produktionsmethoden internationaler Konzerne (im Süden Chiles vor allem der Holzhandel), die Rückgabe des geraubten Landes und die Legalisierung der Landbesetzungen. Viele Kinder nahmen auch an der im Oktober 2019 von Jugendlichen in ganz Chile initiierten Aufstandsbewegung teil, bei der die Fahne der Mapuche zum gemeinsamen Symbol für eine freie und solidarische Gesellschaft geworden ist.


NACHTRAG: Neuer Angriff auf Mapuche-Kinder in Chile

Im Mai haben wir von einem Treffen des Netzwerks der Mapuche-Kinder im Süden Chiles berichtet. Es hatte im Januar 2020 in Temulemu stattgefunden, einem Gelände, das sich eine Community der Mapuche in den Jahren zuvor wieder angeeignet hatte. Nun ist diese Community und mit ihr die auf dem Gelände lebenden Kinder erneut von der Polizei angegriffen worden. Wir übersetzen die Mitteilung des Netzwerks der Mapuche-Kinder vom 9. Juni 2020:

Wir prangern die schwere Gewalt und Rechtsverletzung an, die eines der Kinder unseres Netzwerks zur Verteidigung der Mapuche-Kinder gerade erlebt hat.

Heute Nachmittag haben drei Polizeifahrzeuge den Lieferwagen abgefangen, den unser Bruder Carlos Pichun Collonao zusammen mit seinem 12-jährigen Sohn Pele und drei weiteren Mitgliedern der Temulemu-Community fuhr. Unter Anwendung von Gewalt wurden unser Bruder und die ihn begleitenden Erwachsenen verschleppt. Der Junge wurde weit von seinem Zuhause entfernt allein auf der Straße zurückgelassen. Verängstigt und wütend über das, was passiert war, musste er mehrere Kilometer gehen, um nach Hause zurückzufinden und seine Familie um Hilfe zu bitten.

Dieses gewalttätige und feige Vorgehen der Polizei macht erneut deutlich, wie die Regeln, die von internationalen Menschenrechtsorganisationen für den Umgang mit Kindern seit langem gefordert werden, in Chile missachtet werden. Diese gravierende Verletzung der Rechte der Kinder hinterlässt bei unseren Kindern irreparablen Schaden für ihre emotionale Entwicklung.

Leider ist dies nicht das erste Mal, dass die Polizei unsere Kinder angreift und ihre Rechte verletzt. Sie hat auf uns geschossen, uns unterdrückt, uns mit Tränengasbomben den Atem genommen, uns gefoltert und viele von uns verschwinden lassen. Wo bleibt angesichts dieser schwerwiegenden Ereignisse die Gerechtigkeit?

Die Polizei hat die Pflicht, Kinder zu schützen. Wir nehmen es nicht hin, dass Polizisten wie Kriminelle handeln, aber in Chile und der Welt wird dies nicht respektiert.

Der Rassismus gegenüber unserem Mapuche-Volk schreitet weiter voran. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Medien die rassistischen Akte in anderen Ländern skandalisieren, aber nicht beachten, wie im eigenen Land die Rechte unseres Volkes und vor allem die Rechte unserer Kinder weiterhin mit Füßen getreten werden.

Wir empfinden Wut über das, was passiert ist, und sagen laut und deutlich: Wir nehmen es nicht länger hin, dass Mapuche-Kinder vom chilenischen Staat und seinen Polizisten misshandelt werden. Wir werden unseren Wenuy (Freund) in diesem schmerzhaften Prozess nicht im Stich lassen und weiterhin anprangern, was ihm und vielen anderen immer wieder angetan wird.

Aktualisiert: 26.06.2020