ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

Das Leben arbeitender Kinder unter dem Covid-19 Lockdown in Indien

Bhima Sangha, eine Gewerkschaft arbeitender Kinder und Jugendlicher im Süden Indiens berichtet über die aktuelle Lage:
Der Lockdown im Bundesstaat Karnataka, Indien, hat Qualen, Ängste, Unsicherheit und Verletzlichkeit der am stärksten marginalisierten Gemeinschaften in unserem Land sichtbar gemacht. Dazu gehören auch wir, die arbeitenden Kinder und Jugendlichen. Das Ausmaß des Schreckens, den wir alle erleben, ist beispiellos.

Treffen einiger Mitglieder von Bhima Sangha vor einem Jahr, beim National Child Labour Day am 30.04.2019 (Archivbild)

Die allgemeinen Risse im System zeigen sich jeden Tag, da die am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen besonders drastisch getroffen werden. Die durch Covid-19 ausgelösten medizinischen, wirtschaftlichen und sozialen Krisen haben aufgrund des unverzeihlichen Mangels an Voraussicht, Einfühlungsvermögen, Planung, Koordination und Engagement für das Wohlergehen der Schwächsten unter den Bürger_innen auf nationaler Ebene gigantische Ausmaße angenommen.

Wir arbeitenden Kinder und Jugendlichen waren schon vor Covid-19 mit sozialer und wirtschaftlicher Ausgrenzung, struktureller Diskriminierung, gesetzgeberischer Apathie und Nachlässigkeit der Verwaltung konfrontiert. Wir sind seit Ewigkeiten durch die Sicherheitsnetze der Verwaltung gefallen und tun dies auch während der Pandemie weiterhin. Der Staat verleugnet uns, da unsere Existenz ein Indiz dafür ist, dass er nicht in der Lage ist, für seine jüngsten Bürger_innen zu sorgen. Wenn unsere Existenz ausnahmsweise bemerkt wird, werden wir zwar rechtlich unter „Kinder, die der Fürsorge und des Schutzes bedürfen“ aufgeführt, aber in Wirklichkeit werden wir als „Kinder, die mit dem Gesetz in Konflikt stehen“ vorgeführt. Dies gilt auch für die Jugendliche unter uns, denen es gesetzlich erlaubt ist, in sicheren Berufen zu arbeiten. Infolge ihrer Kriminalisierung werden sie sehr oft „unsichtbar“ gemacht. Während einer Pandemie wie der Covid-Pandemie bleiben diese Jugendlichen von allen Programmen und der Unterstützung für Kinder in Schulen ausgeschlossen. Da unsere Familien zu den am stärksten gefährdeten gehören, sehen wir uns alle mit der Hauptlast unzureichender Grundausstattung, mangelndem Schutz, Null-Einkommen und enormen Unsicherheiten konfrontiert. Die Verwundbarkeit der arbeitenden Kinder und Jugendlichen wird gerade jetzt, während der Pandemie, noch verstärkt, und ihre Situation nach der Covid-Pandemie wird sich wahrscheinlich noch verschärfen.

Sudha (16), ein Mitglied von Bhima Sangha aus Hiremalanakeri Panchayat, Distrikt Bellary, sagt: „Ich würde für die Arbeit in der Landwirtschaft auf die Felder gehen. Jetzt gibt es aufgrund des Lockdowns keine Arbeit mehr. Mein Vater hat eine Rückenmarkverletzung erlitten, als der Ochse ihn plötzlich angerempelt hat. Wir mussten ein Darlehen aufnehmen, um seine Behandlungskosten zu finanzieren. Da wir das zurückzahlen müssen, brach ich die Schule in Klasse 9 ab und begann zu arbeiten. Ich arbeite acht Stunden am Tag und verdiene 150 Rs. Meine Mutter arbeitet auch. Wir müssen uns um die Großeltern, eine Schwester mit einer Behinderung und meine Geschwister kümmern. Früher bekamen wir unseren Lohn, aber jetzt gibt es keine Arbeit mehr. Die Regierung hat uns nur kostenlosen Reis gegeben. Wir haben einen Kredit aufgenommen, um unsere tägliches Essen zu finanzieren. Wegen Corona können wir nicht aufhören zu essen, oder?

Hanumanthu (17), ein Mitglied von Bhima Sangha aus der Gemeinschaft der Wanderarbeiter in der Stadt Udupi, sagt: „Ich bin jetzt 17 Jahre alt. Seit einem Jahr gehe ich nun schon zur Arbeit auf dem Bau. Wir leben hier in einem Zelt, da wir kein Haus haben, in dem wir wohnen können. Meine Mutter und ich arbeiten für Tageslöhne. Obwohl wir einen Lohn von 400 Rs. verdienen, nimmt uns der Bauunternehmer 200 Rs. als Provision weg, und uns bleiben nur 200 Rs. Wir haben keine Arbeit, weil wir eingesperrt sind.

Bheemanna, die derselben Bhima Sangha-Gruppe wie Hanumanthu angehört, sagt: „Die Regierung hat uns nur Reis gegeben. Es gibt keine Hülsenfrüchte, und wir haben kein Geld, um Gemüse zu kaufen. Die Spenderinnen und Spender geben uns morgens und abends etwas zu essen, und wir können mit der Spende unser Leben weiterführen. Ich muss auch 50 Rs. an den Unternehmer zahlen, damit er mich als neuhinzugekommenen Tagelöhner beschäftigt. Die Regierung muss uns in diesen schweren Zeiten unterstützen. Wie können wir mit unserem Leben weitermachen, wenn uns nur Reis geliefert wird?

Eine solch harte Realität teilen die Mitglieder von Bhima Sangha in ganz Karnataka, angesichts der Auswirkungen, die der landesweite Lockdown auf ihr Leben hatte.

Aktualisiert: 26.05.2020