ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

Aktionswoche der Wertschätzung für jugendliche Schuhputzer_innen in Äthiopien

Unter dem Motto „Für mich Deine Liebe, Deine Anerkennung für meine Arbeit“ veranstaltet der Verein LISTROS e.V. vom 13. bis 18. April die "2. BERLINER GLANZWERKE – eine Aktionswoche der Wertschätzung für jugendliche Schuhputzer_innen in Äthiopien". Einer alten christlichen Tradition folgend wird in der Karwoche 2014 der Altar der St. Matthäus-Kirche im Kulturforum Berlin verhüllt. Jedoch nicht mit einem Hungertuch, sondern mit 3.500 Schuhputzboxen äthiopischer Schuhputzer_innen in Form einer Kunstinstallation.

Arbeitendes Kind mit Schuhputzausrüstung in Addis Abeba

Dawit Shanko, Gründer von Listros e.V.

Stadtmöbel in Addis Abeba

Kustinstallation aus Schuhputzkisten

LISTROS e.V. setzt sich zum Ziel, Jugendlichen in Äthiopien eine Ausbildung zu ermöglichen: "Sich ganz der Schule oder dem Studium, einer Lehre oder der Existenzgründung widmen zu können, davon träumen viele. Doch oft ist in den Familien nicht genug Geld für den Schulbesuch: Uniform, Bücher, Arbeitsmittel, das alles kostet Geld. Daher arbeiten viele nebenbei. Doch jede Minute gibt es nur einmal, entweder zum Lernen, oder zum Arbeiten." Der 2003 vom ehemaligen Schuhputzer Dawit Shanko gegründete Verein LISTROS e.V. ist eine Ideenwerkstatt zur Entwicklung neuer Perspektiven. Hierbei stehen die Listros (jugendliche Schuhputzer_innen in Äthiopien) als Vertreter_innen aller arbeitender Jugendlicher im Mittelpunkt. Indem LISTROS den Einzelnen sichtbar macht, wirkt der Verein auf einen Bewusstseinswandel in Äthiopien hin und versucht, in Deutschland Klischees über Äthiopien/Afrika aufzubrechen. Neben Kampagnen und Bildungsarbeit sind Kunst und andere kreative Disziplinen der zentrale Motor für soziale Transformation.

In Addis Abeba hat LISTROS seit seiner Gründung Kampagnen organisiert, zu deren Bestandteil im Jahr 2012 eine eintägige Listros-Konferenz mit über 900 arbeitenden Jugendlichen gehörte. Die LISTROS CAMPAIGN ist ein Beitrag zu einem Perspektivwechsel, einem „neuen Blick auf die eigene Zukunft“, zur Wertschätzung und Unterstützung der engagierten Jugend (Listros) und ihrer Leistungen in Äthiopien.

„Für mich Deine Liebe, Deine Anerkennung für meine Arbeit“ dieses Zitat eines Listro wurde zum Leitspruch der Initiative. Denn LISTROS wird von der Überzeugung geleitet, dass Respekt für die Arbeit der Listros (jugendliche Schuhputzer_innen als Vertreter_innen aller arbeitenden Jugendlichen), Vertrauen in deren Eigeninitiative, Wertschätzung von Produktivität und die Förderung kreativen Potenzials ein Motor für sozialen Wandel sind.

Künstler_nnen waren die Ersten, die sich für die Listros engagierten. Über 150 Maler_innen, Bildhauer_innen, Designer_innen, Filmer_innen, Fotograf_innen, Architekt_innen, Musiker_innen und Tänzer_innen haben den Listros Werke ihrer Kunst gewidmet. 2004 schrieb LISTROS e.V. den Architekturwettbewerb ANSEHEN STATT ÜBERSEHEN aus. Aufgabe war es, Stadtmöbel als Regen- und Sonnenschutz für Schuhputzer in Addis Abeba zu entwickeln. 2005 hat die Stadtverwaltung den Entwurf von den Berliner Architekten Schmidt und Wenkel vom Büro Schmidt & Kraft an ca. 100 Plätzen im öffentlichen Raum der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba realisiert.

Um die Stimmen der Listros hörbar zu machen, hat LISTROS mehrere Ideenwettbewerbe in Äthiopien ausgeschrieben. Dazu gehörte im Rahmen der 1. BERLINER GLANZWERKE 2010 die Tauschaktion alte für neue Listro-Boxen in Addis Abeba, an der sich 3.500 Listros beteiligten und „Briefe an die Welt“ verfassten. In den neuen Boxen erhielten sie Schuhputzmaterialien, die für sie normalerweise eine hohe Investition bedeuten. Innerhalb des interdisziplinären Kunstprojekte MOVING BOXES sind diese „Briefe an die Welt“ zusammen mit den Schuhputzkästen in verschiedenen Installationen zu sehen gewesen: 2010 von Addis Abeba über Dschibuti, Hamburg, Polen zu den 1. BERLINER GLANZWERKEN in den Potsdamer Platz Arkaden. Von dort in wechselnden Installation in der GALERIE LISTROS, 2013 zur Kunstmesse „Berliner Liste“ und nun zur Passionszeit in die St. Matthäus-Kirche im Berliner Kulturforum. Hier stehen sie gemeinsam mit der Kunstinstallation im Mittelpunkt der 2. BERLINER GLANZWERKE. Während des Eröffnungsgottesdienstes hORA am Sonntag Palmarum liest Benno Fürmann aus ausgewählten Briefen:

Anonym

Liebe Menschen meiner Welt,

  1. ich glaube daran, dass ich durch meine Arbeit mein Leben verändern kann;
  2. ich brauche zusätzliches Material, um vernünftig als Schuhputzer arbeiten zu können;
  3. fühle Dich nicht überfordert. Es geht nur um Farbe, Bürsten und vielleicht einen Sonnenschutz;
  4. ich möchte mich ändern, um das Land zu entwickeln.

Ihr habt meinen Respekt. Ich grüße Euch. Good Bye!

Anonym

Meine Mitteilung an Menschen dieser Welt!
Heute sind wir Blüten, morgen sind wir Früchte!
Meine Bitte an die Welt:
Bitte tut alles, damit unser armes Land Nutzer dieser Früchte sein kann.
Beschützt diese Pflanze.  Ihr habt die Verantwortung.
Ich appelliere!

Wohnungs- und Arbeitsplatzproblem ist ein bekanntes Problem. Um damit fertig zu werden, arbeiten wir Tag und Nacht. Ich verdiene am Tag 25 Birr, und oft haben wir Ausgaben, die höher sind als das. Das ist ein grundsätzliches Problem. Ich lebe zwar in meinem Land, aber ich bekomme keinen Ausweis. Ich arbeite, aber werde wie ein Flüchtling behandelt. Ich arbeite so viel, dass ich meine Schule nicht weitermachen kann. Ich habe es bis zur 11. Klasse letztes Jahr geschafft. Na dann Tschüß! Hoffentlich geht es Euch besser und möge Gott Euch schützen.

Addisu Abebu, Junge, 19 Jahre alt

Mein Brief an die Welt:
Der Preis für eine Dose Schuhcreme muss reduziert werden.
Billger werden müssen außerdem: Wasser und Sandalen
Es ist bedauerlich dass Socken manchmal Schuhputzcreme abbekommen. Aber das ist kein Grund uns unfreundlich zu behandeln.

Anonym

Dieser Brief ist für alle Menschen dieser Welt!
Es gibt viele Menschen, die sagen, Du bist doch schon groß, warum machst Du diesen Job?
Such Dir einen anderen Job!
Ich höre zu und arbeite weiter als Listro.
Warum müssen Menschen uns immer so was Blödes sagen?
Sie sollten besser einen besseren Arbeitsplatz für uns Schuhputzer organisieren!
Ich grüße alle!

Alhamdu Sherif, Junge, Cafe Peacock, Bole Road

Die Listro verrichten eine würdige Arbeit, Jungen und Mädchen ohne Unterschied. Die Arbeit ist selbständig. Es gibt Leute, die sie herabwürdigen und andere, die sie bewundern.
... The best work is listro - proud to shine!

Anonym

Möge dieser Brief Euch Menschen erreichen.
Ich möchte, dass Ihr folgendes von mir wisst:
Ich möchte, dass Ihr wisst, dass ich mein Leben durch Schuhputzen verdiene.
Ich lebe davon. Bitte merkt Euch das!
Diese Arbeit tun viele von uns.
Wir tun das, damit wir unabhängig sind, auch von Euren Gedanken.
Damit wir uns langsam aber sicher von der Armut befreien.
Frei von Armut. Ein guter Bürger sein, der respektieren kann und das Land mit aufbaut.
Es gibt leider zu viele Menschen, die uns als noch geringer betrachten als die Sohlen ihrer Schuhe.
Vielleicht könnt Ihr denen sagen, dass das nicht sein darf.
Dass wir Bürger dieses Landes sind. Dass wir dienen.
Es wäre gut, wenn sie auf unserer Seite wären.
Vielleicht könnt Ihr dafür etwas tun!

Aktualisiert: 23.08.2016