ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

Lehrer_innen-Gewerkschaft fällt Kinder-Gewerkschaft in den Rücken

Der Welttag der arbeitenden Kinder und Jugendlichen wird jedes Jahr am 9. Dezember gefeiert. Er wurde 2006 auf Initiative arbeitender Kinder und Jugendlicher etabliert, die seither diesen Tag nutzen, um auf ihre Anliegen hinzuweisen - auch im Sinne einer Kritik an dem internationalen Tag gegen Kinderarbeit am 12. Juni unter Schirmherrschaft der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dieses Jahr greift ProNATs die aktuelle Kampagne der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in ihrer Presseerklärung auf.

Pressemitteilung von ProNATs e.V. zum Welttag der arbeitenden Kinder am 9.12.2012.

Am 9. Dezember 2012 jährt sich zum 16. Mal der Tag, an dem arbeitende Kinder und Jugendliche aus Afrika, Asien und Lateinamerika in Kundapur (Indien) erstmals gemeinsam mit eigenen Forderungen an die Öffentlichkeit traten. Sie forderten vor allem das Recht, in Würde zu arbeiten und Zeit zum Lernen, Spielen und Ausruhen zu haben.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) betreibt seit nunmehr zwei Jahren vorwiegend in ihrer Zeitschrift „Erziehung & Wissenschaft“ als Teil der europäischen Kampagne Stopp Kinderarbeit! Schule ist der beste Arbeitsplatz eine Offensive, die Kinderarbeit pauschal verurteilt. Sie hat eigens dazu eine Stiftung ins Leben gerufen, die sich fair childhood nennt. Nach Auffassung der Kinderrechtsorganisation ProNATs wird dieser Vorstoß auf Kosten der arbeitenden Kinder geführt und verletzt ihre elementaren Rechte.

In ihrer Kampagne ist die GEW dazu übergegangen, sämtliche Arbeit von Kindern als „Verbrechen“ zu brandmarken; Arbeitsverbote sollen „effektiv durchgesetzt“ und „Kinderarbeitsfreie Zonen“ geschaffen werden. Hierdurch wird nicht nur die Arbeit der Kinder diffamiert und kriminalisiert, sondern auch die Kinder selbst werden in eine stigmatisierte und rechtlose Lage versetzt. Nicht nur werden sie von ihren oftmals überlebenswichtigen Arbeitsstätten gejagt, mitunter werden sie unter Berufung auf Kinderarbeitsverbote von Polizei und Justiz verprügelt oder eingesperrt. Dass „Kinderarbeitsfreie Zonen“ eher als Vermarktungsstrategie für „fair gehandelte“ Produkte dienen, als den Kindern selbst zugute zu kommen, bezeugen Organisationen vor Ort, die eine baldige Rückkehr der Kinder an ihre Arbeitsplätze mangels sinnvoller Alternativen feststellen. Die Tatsache, dass Kinder unter sehr verschiedenen Bedingungen arbeiten und ihre Arbeit oft auch positiv bewerten, hat in dieser vereinfachenden Sichtweise keinen Platz.

Erst im Oktober 2012 hatte die GEW mit weiteren Bildungsgewerkschaften in Berlin eine internationale Konferenz über Kinderarbeit veranstaltet – wohlgemerkt ohne arbeitende Kinder selbst einzuladen und ihr in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieftes Recht auf Beteiligung zu achten. Dass Lehrer_innengewerkschaften als Patentrezept gegen Kinderarbeit Bildung ins Feld führen, verwundert kaum. Es macht allerdings stutzig, wenn die GEW ein verkürztes Verständnis von Bildung anwendet, diese mit staatlicher Schulpflicht gleichsetzt und z.B. die vielen bestehenden Initiativen außerschulischer und informeller Bildung ignoriert. Dass die eigene Arbeit vielen Kindern den Schulbesuch überhaupt erst ermöglicht, dass Kinder bei ihrer Arbeit auch für sie wichtige Fähigkeiten lernen können und dass Kinderrechte in der Schule nur selten eingehalten werden, all dies kommt entgegen einschlägigen wissenschaftlichen Befunden in der von der GEW lancierten Kampagne nicht vor.

Die von der Stiftung fair childhood verwendete Rhetorik (z.B. der paternalistische Slogan „Kindern eine Kindheit geben“) und ihre mitleiderweckende Ästhetik (des „glücklichen“ und „dankbaren“ schwarzen Kleinkindes) weisen sogar neokoloniale und rassistische Züge auf. So erweckt die Kampagne insgesamt den Eindruck, als ginge es der GEW in ihrem missionarischen Eifer eher darum, ihre eigene Rolle zu rechtfertigen, als sich wirklich um das Wohlergehen der arbeitenden Kinder zu bemühen.

ProNATs fordert die GEW auf, sich auf ihre gewerkschaftlichen Aufgaben zu besinnen, arbeitende Kinder als die Arbeiter_innen, die sie sind, anzuerkennen, sie als Kooperationspartner_innen ernst zu nehmen und gemeinsam mit ihnen vor Ort solidarisch für die Achtung ihrer Rechte und die Anerkennung ihrer Organisationen einzutreten. Ganz im Sinne ernstzunehmender Bildungsgewerkschaften fordern die Organisationen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen seit langem eine kostenfreie, qualifizierte und lebensnahe Bildung, die die Erfahrungen und den Eigenwillen der Kinder respektiert, ihre Arbeit aber weder ausschließt noch verurteilt.

ProNATs arbeitet mit den Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher in Afrika, Asien und Lateinamerika zusammen und vermittelt ihre Forderungen der europäischen Öffentlichkeit. Die "Erklärung von Kundapur" ist auf der Webseite www.pronats.de nachzulesen. Dort wird u.a. auch auf die aktuellen Fortschritte der bolivianischen Kinderbewegung UNATSBO hingewiesen, die einen eigenen Gesetzesentwurf erarbeitete, um arbeitenden Kindern Rechte zu garantieren und sie vor Diskriminierung und Ausbeutung zu schützen.

Aktualisiert: 23.08.2016