ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

Peru: MNNATSOP kritisiert aktuelle Kampagne des Arbeitsministeriums

Peru war das erste Land, in dem unter Druck der Organisationen arbeitender Kinder 1992 in einem Kinder- und Jugendgesetz Kindern ab 12 Jahren das Recht zu arbeiten und damit auch elementare Rechte an ihren Arbeitsplätzen zugesprochen wurden. Diese anfänglich progressive Entwicklung hat allerdings in den darauffolgenden Jahren immer wieder Rückschläge erlitten. In den nachfolgenden Gesetzen wurde beispielsweise das Mindestarbeitsalter immer wieder erhöht, die jüngeren Arbeiter_innen kamen so nicht mehr in den Genuss dieser Schutzrechte in ihrer Arbeit.

Übersetzung des Flyers:
„Keine arbeitenden Kinder mehr, wir wollen, dass sie lernen!
Verhindern und Beseitigen der Kinderarbeit ist Aufgabe von uns allen.
Lieber Freund: Wenn du ein arbeitendes Kind siehst, informiere uns über die Beschwerdehotline und rufe uns kostenlos unter 0800-1-6872 an. Beseitigen wir gemeinsam die Kinderarbeit und sorgen wir dafür, dass sich die Kinder vollständig entwickeln. Schließ dich dieser Kampagne an und trage zu einem Peru frei von Kinderarbeit bei, in dem die einzige Aufgabe eines Kindes ist, zu spielen und die Schule zu besuchen.
Ministerium für Arbeit und Förderung der Beschäftigung"

Die nationale Bewegung der Peruanischen NATs kritisiert die aktuelle Kampagne des Arbeitsministeriums.

Als aktueller Höhepunkt dieser Entwicklung führt die Regierung Perus auf Veranlassung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und ihres Internationalen Programms zur Abschaffung der Kinderarbeit (IPEC) seit kurzem eine diffamierende Kampagne gegen Kinderarbeit durch: Ein mit 13 Millionen Dollar finanzieller Unterstützung durch die US-Regierung ausgestattetes, vierjähriges Programm, die ausschließlich die Schulbildung für Kinder und Jugendliche vorsieht und keinen Hehl daraus macht, dass es dabei um die Bildung von Humankapital geht. Die Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Perus (MNNATSOP) sieht die arbeitenden Kinder durch die Kampagne diskriminiert und bedroht. Sie wehrt sich mit einem offenen Brief an den Arbeitsminister Dr. José Villena gegen deren demagogischen Tenor, die grafische Aufmachung, die Slogans und die oberflächliche Ursachenanalyse.

In der Bewegung MNNATSOP sind mehr als 15 Organisationen mit über 14.000 arbeitenden Kindern zusammengeschlossen. Sie ist in der Hauptstadt Lima und in 18 von 23 weiteren Regionen des Landes aktiv. Sie unterhält zum Teil eigene Häuser, Werkstätten und Schulen, in denen arbeitende Kinder Schutz und Unterstützung finden. Die Bewegung setzt sich in umfassender Weise für die Rechte aller Kinder ein, insbesondere für ein Leben ohne Armut, lebensnahe Bildungsmöglichkeiten sowie selbstbestimmte und solidarische Formen von Arbeit und Ökonomie. Sie wehrte sich mehrmals gegen die Festlegung eines Mindestarbeitsalters in den Gesetzen, um jüngere Kinder, die arbeiten müssen, nicht rechtelos dastehen zu lassen.

Der offene Brief von MNNATSOP an das peruanische Arbeitsministerium kann auf Spanisch heruntergeladen werden. Ins Deutsche übersetzt, lautet sie wie folgt:


Herrn
Dr. José Villena
Arbeitsminister

 

Unsere wichtigsten Anliegen:

Wir sind die Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen von Peru (MNNATSOP), die sich seit 16 Jahren für die Verteidigung und Durchsetzung der Rechte der Kinder und Jugendlichen, insbesondere der arbeitenden Kinder, einsetzt.

Wir wenden uns an Sie, Herr Minister, um unseren Standpunkt zur sogenannten Kinderarbeit darzulegen, denn wir sind Zeugen einer Kampagne geworden, die von Ihrem Ministerium vorangetrieben wird mit dem Ziel, „die Kinderarbeit zu verhindern und zu beseitigen“. Ein Teil dieser Kampagne besteht aus der Verteilung von Flyern. Sie wurden im Namen Ihres Ministeriums und in Ihrer Verantwortung herausgegeben. Wir, die arbeitenden Kinder und Jugendlichen, empfinden diese als respektlos.

Diesbezüglich möchten wir ihnen mit allem Respekt Folgendes mitteilen:

-- Uns scheint es ein Missbrauch, wenn auf den Flyern ein Foto von zwei kleinen Kindern gezeigt wird, die nicht einmal 5 Jahre alt sind. Mit diesen Bildern rufen Sie eine Reaktion hervor, die einen negativen Blick auf die arbeitenden Kinder lenkt und auf Gefühle von Mitleid und Bedauern spekuliert. So ist es leicht, einen Konsens gegen uns, die arbeitenden Kinder und Jugendlichen, zu erzeugen.

-- Mit dem Satz „Keine arbeitenden Kinder mehr, wir wollen, dass sie lernen!“ bekunden Sie eine einseitige Vorstellung von unserem Leben, die nicht zur Kenntnis nimmt, dass auch wir arbeitende Kinder lernen, denn man lernt nicht nur in der Schule. Außerdem gehen mehr als 90 Prozent der arbeitenden Kinder und Jugendlichen sowohl arbeiten als auch zur Schule; viele arbeiten sogar, um überhaupt zur Schule gehen zu können.

-- Wenn Sie sagen „Verhindern und Beseitigen der Kinderarbeit ist Aufgabe von Allen!“, so berücksichtigen Sie weder, dass unser Arbeitssituationen sehr verschieden sind, noch richten Sie Ihr Augenmerk auf die „schlimmsten Formen der Arbeit“. Wir fragen Sie: Wo bleibt der Schutz vor allen Formen der Ausbeutung, von dem Artikel 32 der UN-Kinderrechtskonvention spricht?

-- Mit die Aufforderung „Wenn du ein arbeitendes Kind siehst, informiere uns!“ bedrohen Sie  unsere Sicherheit. Sie ist keine Einladung, nachzudenken und zu analysieren, sondern zu denunzieren, ohne zu wissen, warum dieses Kind arbeitet oder warum es macht, was es macht, und was es für das Kind bedeutet. Sie verstärkt einen bloß negativen Blick und provoziert eine Haltung des Verdammens gegenüber den Jungen und Mädchen, die arbeiten. Sie führt zu Festnahmen, Verfolgungen, sozialen Säuberungen, bei denen alle Komplizen werden, die sich an der Kampagne beteiligen. Wir haben bereits leidvolle Erfahrungen mit dem Gesetz gegen das Betteln gemacht.

-- Sie lancieren die Parole: „Für ein Peru frei von Kinderarbeit, in dem die einzige Aufgabe eines Kindes ist, zu spielen und die Schule zu besuchen!” Kein einziges Wort, wie mit der Armut und einer „Schulbildung“ Schluss gemacht werden soll, die uns in keiner Weise auf das Leben vorbereitet; kein einziges Wort, dass die Politik für eine Arbeit in Würde zu sorgen hat, kein einziger Aufruf für ein Peru ohne Korruption der Erwachsenen und wo niemand mehr ausgeschlossen wird, insbesondere nicht mehr seine Kinder.

All dies, Herr Minister, ist nicht das, was wir arbeitenden Jungen und Mädchen von einem Arbeitsminister erwarten, welcher der erste Verteidiger und Beschützer von fast drei Millionen arbeitenden Kindern und Jugendlichen sein sollte, die wir in diesem Land sind.

Wir würden sehr gerne mit Ihnen reden, damit Sie aus unseren Mund erfahren, wer wir sind und wofür wir kämpfen. Hierfür bitten wir um ein Gespräch.

 

Hochachtungsvoll

Yasmira Suri Quispe              Junior Sánchez Prado                         Yovana Viamonte

Für die Koordination der nationalen Bewegung der Arbeitenden Kinder, MNNATSOP

Aktualisiert: 23.08.2016