ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

12. Juni 2011: Organisationen arbeitender Kinder äußern Unmut über ILO-Welttag gegen Kinderarbeit

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) zelebriert seit 2002 den 12. Juni als "Welttag gegen Kinderarbeit". Viele internationale Hilfsorganisationen, Gewerkschaften, Regierungen und Parteien - gewöhnlich im "globalen Norden" zu verorten - nehmen diesen Tag zum Anlass, um ihrerseits gegen Kinderarbeit zu protestieren. Dieses Jahr hat sich auch die Kinderkommission des Deutschen Bundestags zu Wort gemeldet, und die ILO hat eigens eine Broschüre zum Thema "gefährliche Arbeit" veröffentlicht.
ProNATs begrüßt, dass inzwischen häufiger "ausbeuterische Kinderarbeit" von anderen Arbeitsformen der Kinder unterschieden wird. Aber wir machen darauf aufmerksam, dass die ILO und mit ihr verbündeten Organisationen bis heute an dem pauschalen Ziel festhalten, "die Kinderarbeit in die Geschichtsbücher zu verbannen" und die Kinder mittels Schulpflicht auch dann von ihren Arbeitsplätzen zu vertreiben, wenn sie arbeiten wollen. Was die betroffenen Kinder davon halten, ist diesen Organisationen weiterhin egal. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch in diesem Jahr mehrere Kinderorganisationen sowie Unterstützungsorganisationen von Erwachsenen zu Wort melden, um gegen diese Missachtung und Stigmatisierung von arbeitenden Kindern zu protestieren. In der folgenden Presseerklärung von ProNATs erfahren Sie, wieso:

In einer Kinderarrestanstalt in Peru haben Kinder ein Wandbild gemalt mit der Aufschrift "Wir Kinder haben das Recht, zu spielen und in Freiheit zu leben"

Die ILO ruft jährlich am 12. Juni ein "Welttag gegen Kinderarbeit" aus, die Weltbewegung arbeitender Kinder hat dagegen den 9. Dezember zum "Welttag für die Würde der arbeitenden Kinder" auserkoren

Der Kampf gegen die Kinderarbeit wird zum Feigenblatt für die Unterdrückung der Kinder - Stellungnahme von ProNats e.V. zum „Welttag gegen Kinderarbeit“

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Genf, hat den 12. Juni zum „Internationalen Tag gegen Kinderarbeit“ erklärt. Sie hat dies getan, ohne die arbeitenden Kinder zu fragen. Sonst hätte sie zu hören bekommen, dass vollmundige Erklärungen „gegen die Kinderarbeit“ zwar das Gewissen der Wohlhabenden dieser Welt beruhigen mögen, den arbeitenden Kindern aber eher schaden als nützen. Mehr noch: der Kampf gegen die Kinderarbeit wird immer häufiger zum Feigenblatt für die Unterdrückung arbeitender Kinder.

Ein paar aktuelle Beispiele aus Lateinamerika:

Kinder, die in Bussen singen oder auf der Straße Kunststücke vorführen, werden als Diebe denunziert und in Kinderknäste gesperrt. In Arequipa (Peru) fanden wir selbst Vierjährige in einem solchen Knast, der sich zynisch „Herberge zur Wiedereinführung der Kinder“ nennt. Eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die sich „Niños Libres“ (Freie Kinder) nennen, setzt sich für die Befreiung der eingesperrten Kinder und die Achtung ihrer Menschenwürde ein.

Kinder, die auf der Straße Kaugummi verkaufen oder an den Verkehrsampeln Autoscheiben putzen, werden der Bettelei beschuldigt und von der Polizei an unbekannte Orte abtransportiert. Selbst die Eltern erfahren nicht, wo ihre Kinder sind und was mit ihnen geschieht. Solche Praktiken werden in Peru mit einem Gesetz gegen die Bettelei kaschiert und mit einem legalen Mäntelchen versehen.

In anderen Ländern wird die Vertreibung und Verfolgung der Kinder als „Kampf gegen die Armut“ oder gegen die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ beschönigt. In den innerstädtischen Konsumzonen werden sie privaten Wachdiensten überantwortet, die die Kinder hemmungslos verprügeln und mit dem Tode bedrohen, ohne je dafür bestraft zu werden. Wer die Kinder angesichts dieser „sozialen Säuberungen“ auf ihre Rechte aufmerksam machen will, erntet oft lediglich ein Achselzucken. Das einzige Recht, das wir haben, sagen zum Beispiel Kinder in Guatemala oder Brasilien, ist das Recht, umgebracht zu werden.

Der Kampf gegen die Kinderarbeit macht auch vor kriminellen Verbündeten nicht mehr Halt. In Kolumbien befinden sich heute manche Großmärkte in der Hand von paramilitärischen Gruppen, die nur solche Händler zulassen, von denen sie sich ordentliche Profite versprechen und die ihnen „Schutzgebühren“ entrichten (diese gelten dann als „geimpft“). Bei dieser Gelegenheit werden dann auch gleich die ärmsten Familien mit ihren Kindern abgeräumt. Wer sich dagegen zu wehren versucht, riskiert sein Leben. Die Behörden drücken gern ein Auge zu, da sie sich so der unliebsamen „Kinderarbeiter“ entledigen können und die „Ordnung“ gewahrt sehen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.  

Ist es verwunderlich, dass sich bereits Kinder in „Banden“ zusammentun, um ihr Recht in die eigenen Hände zu nehmen? Viele arbeitende Kinder wiederum schaffen sich eigene Organisationen, um öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Probleme zu finden und auf ihrer Menschenwürde zu bestehen. Sie nehmen nicht länger hin, dass die Kinderarbeit auf Kosten ihrer Rechte bekämpft wird. Statt sich weiter vollmundige Erklärungen gegen die Kinderarbeit anzuhören, verlangen sie, dass endlich ihre Stimmen gehört und ihre Rechte ernst genommen werden.

Wir fordern die deutsche Regierung, die Parteien und die Gewerkschaften dazu auf, endlich auf die Stimmen der arbeitenden Kinder des Südens zu hören. Nicht zuletzt von der Kinderkommission des Deutschen Bundestages erwarten wir, dass sie sich nicht – wie gerade zum wiederholten Mal geschehen – auf flammende Appelle gegen die Kinderarbeit beschränkt, sondern sich konkret für die Wahrung der Menschenwürde und der Rechte der arbeitenden Kinder einsetzt.   

Berlin, 12. Juni 2011

ProNATs e.V.

Aktualisiert: 23.08.2016