ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

Alternativtreffen von MOLACNATs, ProNATs und ITALIANATs vom 9. bis 11. Mai in Den Haag

Ausrottung der Kinderarbeit oder würdige Arbeit auch für Kinder? Arbeitende Kinder aus Lateinamerika und europäische Solidaritätsgruppen nahmen während eines Alternativtreffens zur ILO-Child Labour Conference in Den Haag Stellung.

Eine Delegierte des Alternativtreffens in Den Haag verteilt eine Erklärung von MOLACNATS an Teilnehmer_innen der ILO/IPEC-Konferenz

Anlässlich der Global Child Labour Conference, die die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) zusammen mit der holländischen Regierung vom 10.-11. Mai in Den Haag veranstaltete, fand vom 9.-11. Mai ebenfalls in Den Haag ein Alternativtreffen der Lateinamerikanischen Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher (MOLACNATs) gemeinsam mit ProNATs e.V., ITALIANATS und anderen europäischen Solidaritätsgruppen statt. An dem Treffen nahmen Kinderdelegierte aus Venezuela, Peru und Paraguay sowie Delegierte aus Deutschland, Italien, Belgien und Frankreich teil. Das Treffen stand unter dem Motto: „Für eine Welt mit menschenwürdiger Arbeit für Kinder und Jugendliche: Schritte bis 2016“.

Fragwürdige Daten zur Kinderarbeit

Zu ihrer Konferenz hatte die ILO einen neuen Global Report zur Kinderarbeit vorgelegt („Accelerating action against child labour“), in dem sie eingesteht, ihre im letzten Bericht vor vier Jahren gemachte Ankündigung, das Ende der Kinderarbeit sei „zum Greifen nah“, nicht aufrecht erhalten zu können. Nach den neuen Berechnungen der ILO ist die Zahl der arbeitenden Kinder weltweit zwischen 2004 und 2008 nur um drei Prozent von 222 auf 215 Millionen gesunken. „Der Fortschritt ist weder schnell noch umfassend genug, um das Ziel zu erreichen, das wir uns gesteckt haben“, hatte ILO-Generaldirektor Juan Somavía im Vorfeld der Konferenz verkündet. Die Kinderarbeit hat nach den Angaben der ILO zwar bei den 5- bis 14-Jährigen dank einer geringeren Beschäftigung von Mädchen um 10 Prozent abgenommen, aber in Afrika südlich der Sahara und bei den 15- bis 17-Jährigen hat sie zugenommen. Die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“, so die ILO, sind in dieser Altersgruppe sogar um fast 20 Prozent, von 52 auf 62 Millionen angewachsen.

Auf dem Alternativtreffen wurde festgestellt, dass die von der ILO veröffentlichten Daten auf schwankendem Grund stehen. Die Daten basieren erneut auf Kategorien und Erhebungen, die nur einen Bruchteil der Arbeit von Kindern erfassen. Die ILO gibt zwar an, diesmal auch die Arbeit von Kindern jenseits der „production boundary“, also auch die nicht-entlohnten Haushaltsdienste und andere „nicht-produktive“ Arbeiten einzubeziehen, doch der vorgelegte Bericht bezieht sich faktisch auf Erhebungen im Zeitraum 2004-2008, bei denen diese neuen Kategorien noch nicht zur Anwendung kamen. Auch der Vergleich mit früheren Angaben ist nicht seriös, da diese auf äußerst lückenhaften und nicht vergleichbaren Erhebungen in wenigen Ländern beruhten. Zum Zustandekommen der neuen Daten wird in einer Fußnote lediglich auf eine „separate technische Publikation“ verwiesen, deren Fertigstellung den ILO-Experten dem Vernehmen nach Kopfzerbrechen bereitet.

Ein Grundproblem des ILO-Reports besteht darin, dass die Arbeit von Kindern – wie schon in früheren Berichten und Stellungnahmen – in einer Weise definiert wird, die ungeachtet der vorgenommenen Differenzierungen nur eine grundsätzlich negative Bewertung zulässt. Die Arbeit von Kindern gilt als unvereinbar mit (schulischer) Bildung und wird in erster Linie als „Entwicklungshindernis“ – insbesondere für das wirtschaftliche Wachstum und die Überwindung von Armut – verstanden. Auf diese Weise wird nicht nur der Blick tunnelartig auf die negativen Aspekte der Arbeit von Kindern begrenzt, sondern es bleiben auch viele lebenswichtige und von Kindern bejahte Tätigkeiten in den statistischen Daten und strategischen Erwägungen der ILO unberücksichtigt. Der Bericht wird zwar nicht müde, die Gefahren der Arbeit für die Kinder zu betonen, aber er lässt jegliche Empfindsamkeit für die konkreten Nöte, Bedürfnisse und Erwartungen der arbeitenden Kinder vermissen.

Humankapital statt Kinderrechte

Ein neuer Akzent im Kampf gegen die Kinderarbeit ergibt sich durch das im Global Report bekräftigte Bündnis mit der Weltbank und dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF, mit dem eine „weltweite Bewegung gegen Kinderarbeit“ begründet werden sollte. Die arbeitenden Kinder werden nun in erster Linie als Ausdruck für die Verschwendung von „Humankapital“ und sogar in merkwürdiger Verkehrung von Ursache und Wirkung als Grund für die Armut betrachtet. Die neue strategische Grundlinie im Kampf gegen die Kinderarbeit wird in einer „trade union and business alliance“ gesehen, die die bisherigen „projektbasierten“ Einzelmaßnahmen wegen deren geringen Reichweite ersetzen soll. Obwohl der Großteil dieser Maßnahmen bisher im Rahmen des ILO-IPEC-Programms zusammen mit NGOs durchgeführt wurde, kommen diese im Bericht nur noch am Rande als Kooperationspartner zur Sprache.

Die im Bericht zu findenden Selbstzweifel über die Wirksamkeit bisheriger Maßnahmen gehen allerdings nicht so weit, auch über die häufig negativen Folgen nachzudenken, die mit vielen Maßnahmen gegen die Kinderarbeit für die Kinder selbst einhergehen. So werden z.B. in Kolumbien, Peru oder Mexiko Kinder, die auf der Straße Essen, Süßigkeiten oder kunsthandwerkliche Produkte verkaufen, unter Verweis auf die ILO-Konventionen und Aktionsprogramme gegen die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ häufig von der Polizei vertrieben; oder Mütter, die von ihren Kindern bei der Arbeit auf dem Markt begleitet werden, sehen sich gezwungen, ihre Kinder zu verstecken, um nicht wegen „Verletzung der Aufsichtspflicht“ bestraft zu werden. Maßnahmen zum „Schutz“ der Kinder vor den „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ dienen unter der Hand oft der Legitimation „sozialer Säuberungen“ im Interesser reicher Geschäftsleute oder von Tourismusprojekten.  

Partizipation der arbeitenden Kinder unerwünscht

Dem in der UN-Kinderrechtskonvention verbürgten Recht der Kinder, in allen sie berührenden Angelegenheiten gehört zu werden und ihre Meinungen vorrangig zu berücksichtigen, wurde weder im ILO-Report noch auf der Konferenz Rechnung getragen. Im Unterschied zu früheren Berichten werden die arbeitenden Kinder und ihre Organisationen nicht einmal mehr als mögliche Partner erwähnt. Dem entspricht, dass sich unter den 380 Teilnehmern der Konferenz zwar zahlreiche Repräsentanten von Regierungen, UN-Organisationen, Banken, Unternehmerverbänden, Gewerkschaften und einiger NGOs befanden, aber kein einziger Repräsentant der Organisationen arbeitender Kinder und Jugendlicher.

Unter den wenigen Wissenschaftlern, die auf der Konferenz vertreten waren, fanden sich fast nur solche, die eng mit der ILO oder der Weltbank verbunden sind und deren Sichtweisen teilen. Kritische Stimmen und eine offene Debatte um die Ziele und anzustrebende Schritte waren offensichtlich nicht erwünscht. Gleichwohl wurde von einigen Delegierten und in der Videobotschaft einer Jugendlichen aus Afrika, die an der Teilnahme verhindert war, der Ausschluss arbeitender Kinder kritisiert. Die „Partizipation“ von Kindern beschränkte sich auf den fünfminütigen dekorativen Auftritt einer holländischen Kindertanzgruppe bei der Eröffnungsveranstaltung und die offenbar abgestimmte Dankesrede eines 14-jährigen ehemaligen Kinderarbeiters aus Indien im Beisein der holländischen Königin am Ende der Konferenz.

Der auf der ILO-Konferenz per Akklamation angenommene Fahrplan („Roadmap“), mit dem die völlige Ausrottung der „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ bis 2016 erreicht werden soll, ist im Laufe der Beratungen von einer verbindlichen Selbstverpflichtung zu einem moralischen Appell herabgestuft worden. In den Leitprinzipien werden die Regierungen zwar ermahnt, „the best interests of children“ (im Deutschen meist als „Kindeswohl“ übersetzt) nicht aus dem Auge zu verlieren und die Sichtweisen der Kinder und ihrer Familien zu beachten, aber es wurde eine Passage aus dem ersten Entwurf gestrichen, wonach zur Vermeidung von Risiken kein Kind „ohne adäquate Schutz- und Hilfsangebote“ aus der Arbeit entfernt werden sollte. Dies lässt sich nur so verstehen, dass weiterhin der Durchsetzung des Kinderarbeitsverbots Vorrang zukommen soll, was immer die Folgen für die Kinder und ihre Familien sein mögen.

Proteste gegen die ILO-Konferenz

Bereits im Vorfeld der Child Labour Conference hatte die Lateinamerikanische Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen „gegen den Mangel an Respekt“ protestiert, „den die Organisatoren der Konferenz von Den Haag uns gegenüber demonstriert haben, indem sie uns nicht zur Vorbereitung dieser Konferenz eingeladen und noch nicht einmal über sie informiert haben. Die ausschließliche Anwesenheit von Erwachsenen, die in ihrer Mehrheit von unserer Lebensrealität weit entfernt sind, bestätigt aufs Neue, dass weiterhin eine erwachsenen-zentrierte Sicht auf die arbeitenden Kinder vorherrscht und dass die Partizipation der Kinder allein auf die Verkündung guter Absichten und juristische Dokumente beschränkt bleibt.“ Zum Ende der Konferenz sprach sie in einer Presseerklärung der Roadmap jegliche Legitimität ab, da sie ohne Beteiligung der arbeitenden Kinder als den Hauptbetroffenen zustande gekommen sei, und machte die holländische Regierung und die ILO als Veranstalter der Konferenz für die darin zum Ausdruck kommende Verletzung der UN-Kinderrechtskonvention verantwortlich. 

Auch eine Gruppe namhafter Wissenschaftler/innen aus verschiedenen Ländern, die bisher über Fragen der Kinderarbeit geforscht haben, das lateinamerikanische und europäische Netzwerk der universitären Master-Studiengänge zu Kinderrechten sowie mehrere Zusammenschlüsse von Mitarbeiter/innen und Unterstützer/innen der Kinderbewegungen, hatten im Vorfeld der ILO-Konferenz gegen den Ausschluss der arbeitenden Kinder und ihrer Organisationen Stellung genommen und eine grundlegende Änderung der ILO-Politik zur „Ausrottung der Kinderarbeit“ verlangt (siehe Dokumentation).  

Die Ursachen der Ausbeutung bekämpfen

In der Frage, wie dem Missbrauch und der Ausbeutung arbeitender Kinder zu begegnen sei, ist die Kluft zwischen der ILO und den sie tragenden Regierungen, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden auf der einen und den Organisationen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen sowie zahlreichen Wissenschaftler/innen und manchen NGOs auf der anderen Seite weiterhin groß. Sie kann nur überbrückt werden, wenn anerkannt wird, dass die Probleme der arbeitenden Kinder nicht gelöst werden, indem man ihnen die Arbeit verbietet, sondern indem man die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse abschafft, die auf der Ausbeutung der Menschen – gleich welchen Alters – basieren.

Zum Ende ihres Alternativtreffens kamen die Delegierten in Den Haag überein, im Juni in Lima (Peru) ein weiteres Treffen zu veranstalten, auf dem die weiteren Schritte der lateinamerikanischen Kinderbewegung konkretisiert und die Zusammenarbeit mit den Bewegungen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen in Afrika und Asien intensiviert werden sollen. Die europäischen Solidaritätsgruppen schlossen sich zu dem Netzwerk EUROPANATS (info@europanats.net) zusammen und wollen künftig gemeinsame Aktionen auf europäischer Ebene unternehmen.

Aktualisiert: 23.08.2016