ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

"Selbstbewusste Kinderarbeiter" - Artikel von Anja Tuckermann in der Freitag, 30.04.2004

Aktualisiert: 25.04.2010

Ihre Vertreter sagen: "Wer uns helfen will, soll die Bedingungen verbessern, nicht die Arbeit illegalisieren".
Von Anja Tuckermann.

Der 14-jährige Leon hat ein gutes Einkommen als Jugendschiedsrichter. "Das ist keine Arbeit, solange es Spaß macht. Und weil es keinen Zwang gibt." Um legal arbeiten zu können, hat er sich im Schiedsrichterpass ein Jahr älter gemacht. Auf das Geld ist er nicht angewiesen. Er spart es, vielleicht für den Führerschein. "Eigenes Geld zu verdienen, ist ein großer Schritt zum Erwachsenwerden. Ich bin stolz, wenn ich für mein Geld gearbeitet habe. Und dass man gebraucht wird, ist auf jeden Fall schön. Ich habe was Sinnvolles gemacht und nicht nur die Freizeit vertrödelt. Sonst denkt man, am Wochenende zwei schlechte Filme geguckt und Computer gespielt, rumgehangen. Ist unproduktiv."

Ähnlich klingen die Aussagen, die sich in einer Untersuchung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) - Forschungsprojekts "Kinder und Arbeit" an der TU Berlin finden. In Interviews soll so der Frage nachgegangen werden, was Arbeit für Kinder und Jugendliche aus Berlin-Brandenburg bedeutet. Obwohl hierzulande die Meinung besteht, Kinderarbeit gebe es nur in armen Ländern, schätzen Experten, dass zwischen 400.000 bis 700-000 der 9- bis 17-jährigen regelmäßig oder sporadisch einer bezahlten Arbeit nachgehen. 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben nach dem Ende der Pflichtschulzeit schon Erfahrungen mit bezahlten Jobs.

Der Soziologieprofessor Manfred Liebel von der TU erklärt das so: "Kinder wollen etwas Interessantes machen, weil ihnen die Schule nicht reicht. Sie ist ihnen zu langweilig, sie suchen andere Erfahrungen, sie wollen Geld verdienen, weil sie sich damit mehr Unabhängigkeit versprechen." Manche sparen das Geld für später oder für eine größere Anschaffung, manche geben es sofort aus, so wie die 13-jährige Jana aus Göttingen: "Ich hab schon Baby gesittet. Von dem Geld kaufe ich mir das Gleiche wie vom Taschengeld, das heißt Handy, Schminke, Mode."

Die Kinder wollen eigene Bedürfnisse befriedigen. Liebel konstatiert: "Es gibt aber relativ wenig Möglichkeiten für Kinder, eine Arbeit zu finden, die einigermaßen erträglich bezahlt wird. Je angespannter der Arbeitsmarkt ist, umso mehr werden die Jüngeren von jenen Erwachsenen verdrängt, die Billigjobs übernehmen. Da entsteht ein Verdrängungswettbewerb."

Tatsächlich sind die Dinge, die Kinder und Jugendliche meinen haben zu müssen, um im Freundeskreis anerkannt zu sein, kostspieliger geworden, während das zur Verfügung stehende Geld in vielen Familien knapper wird. Viele Eltern sind deshalb dafür, dass ihre Kinder sich einen Job suchen, "damit sie den Wert des Geldes kennen lernen" wie die Mutter der 13-jährigen Lina sagt. Die Erzieherin ist Alleinverdienerin, ihr Mann seit Jahren arbeitslos. Da die Tochter auf teure Klamotten und Handy nicht verzichten möchte, soll sie ihren Teil dazu beitragen.

Aber es gilt, sagt die Mitarbeiterin eines Jugendamtes: "Kinder, die Jobs haben, sind Kinder aus intakten Familien. Kinder aus zerrütteten Familien haben Schwierigkeiten, sich einen Job zu besorgen und durchzuhalten."

Jutta Spichalski, Lehrerin in Berlin-Kreuzberg, einem der ärmsten Bezirke der Stadt, stellt fest, dass inzwischen in der Mehrheit der Familien, aus denen ihre Kinder kommen, wenn überhaupt, dann höchstens ein Elternteil arbeitet. Oft sind beide Eltern arbeitslos. Viele Jugendliche haben deshalb kein Taschengeld. Und je älter sie sind, desto ärmer fühlen sie sich. Deshalb arbeiten ab der 8./9. Klasse fast alle - in Kneipen, Kaufhäusern, Supermärkten. Gelegentlich auch, um in Familienbetrieben wie Cafés, Kiosken, Zeitungs- oder Gemüseläden zum Einkommen der Familie beizutragen. Manche schon morgens vor der Schule. Am Rande der Legalität funktioniert eine ziemlich verbreitete Art, an Geld zu kommen: selbstgebrannte CDs werden verscherbelt. Oder Jungen stehen an vielen Ecken des Stadtteils, die Haschisch verkaufen.

Und sie kennt auch ein paar Schülerinnen, die von den Eltern zur Arbeit geschickt wurden und das Geld abgeben mussten. Dennoch sagt sie: "Kinderarbeit ist zwar allgemein ein negativ besetzter Begriff. Meine Schüler sehen das aber nicht so." Eine Grauzone sei die Hausarbeit. Manche Mädchen seien für den gesamten Haushalt verantwortlich und leiden darunter, weder Zeit für die Schularbeiten, noch für sich zu haben.

Als die Forschungsgruppe der Berliner TU Anfang April mehr als 40 Wissenschaftler und Aktivisten aus 20 Ländern Afrikas, Amerikas, Asiens und Europas zu einem internationalen Symposium über Kinderarbeit nach Berlin einlud und die bisherigen Ergebnisse ihrer Studie vorstellte, waren einige Teilnehmer aus Entwicklungsländern fassungslos. "Das ist eine luxuriöse Angelegenheit", so Manal Shaheen aus Ägypten. "Bei uns geht es darum, dass Kinder gefährliche Arbeiten machen. Dass sie arbeiten hat mit Armut oder der Qualität von Bildung zu tun, nicht aber damit, Geld zu sparen, den Wert des Geldes kennen zu lernen oder unabhängig zu sein. Die Art der Arbeit ist nicht so sicher wie Babysitten oder Arbeit in Restaurants, die Kinder arbeiten in Werkstätten, in der Industrie. Sie brauchen Geld zum Überleben."

In den meisten Ländern der Welt beschäftigt man sich nicht damit, ob Kinder arbeiten, sondern unter welchen Bedingungen sie das tun. Wissenschaftler sind sich allerdings einig, dass das weltweite Verbot die Kinderarbeit nicht verhindert hat, sondern arbeitende Kinder in die Illegalität drängt und es ihnen dadurch zusätzlich erschwert, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Nandana Reddy aus Südindien kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte von Kindern. "Die Globalisierung hat Kinder noch mehr an den Rand gedrängt", sagt sie. "Wenn du ein Konsument bist, bist du interessant, wenn nicht, bist du unsichtbar." Um Menschen, die keine Konsumenten der Produkte multinationaler Konzerne sind, kümmerte sich niemand mehr. Die sozialen Netze würden zerstört und die Armut steige, die Globalisierung sei eine Gefahr für die Demokratie.

Hauptleidtragende dieser Entwicklung sind Kinder. In Indien zum Beispiel sei die Bekämpfung der Armut völlig in den Hintergrund gerückt. "Der globale Druck auf Regierungen lässt weder Zeit noch Raum, um Lösungen zur Bekämpfung der Armut zu finden. Aber wir müssen den Kindern den Raum zugestehen, ihre Zukunft zu gestalten. Wenn wir die kapitalistische Globalisierung nicht bekämpfen, riskieren wir das Leben unserer Kinder." Oft, sagt Nandana Reddy, habe sie von Managern gehört: Wir werden wohl eine Generation opfern müssen. Arbeitende Kinder gab es in Indien schon immer. "Man sagte den Kindern, ihr dürft nicht arbeiten. Sie erwiderten, wir müssen arbeiten, also ändert das Gesetz." Mit Hilfe von Erwachsenen schrieben die Kinder einen Gesetzentwurf, um ihre Arbeitsbedingungen zu definieren.

1985 wurde er im indischen Parlament debattiert, und einige Forderungen der Kinder flossen in die Politik ein. Schon in den siebziger Jahren organisierten sich arbeitende Kinder in Lateinamerika. Mitte der neunziger Jahre gründeten Kinder aus Westafrika eine Selbsthilfeorganisation. Entstanden ist sie aus einer großen Gruppe von Mädchen, die als Hausangestellte arbeiteten und am 1. Mai mit eigenen Transparenten für ihre Anliegen demonstriert. Die "Vereinigung arbeitender Kinder und Jugendlicher" (EJT) hat heute 25.000 Mitglieder in 15 afrikanischen Ländern. Allein in Dakar sind es 800 Jungen und 700 Mädchen. Bei ihrer ersten Konferenz 1995 beschlossen die Kinder, in Anlehnung an die UN-Kinderrechtscharta, einen eigenen Katalog mit den für sie wichtigsten zwölf Rechten zu formulieren. Das Recht auf Respekt gehört dazu und das Recht, sich auszudrücken und sich zu organisieren. Das Recht, Lesen und Schreiben zu lernen und Berufskenntnisse zu erwerben, war ihnen wichtig und das, im Dorf bleiben zu dürfen, gehört zu werden und auf eine gerechte Justiz Anspruch zu haben. Sie forderten leichte und begrenzte Arbeit sowie Sicherheit, Pausen bei Krankheit und das Recht, gesund gepflegt zu werden. Diese Rechte waren ihnen ebenso wichtig wie das Recht zu spielen.

"Zur Zeit gibt es eine weltweite Medienkampagne" stellen sie fest, "gegen Kinderarbeit vorzugehen. Wer sind diese Leute, dass sie uns die Arbeit verbieten? Werden sie kommen und sich um uns kümmern, um unsere Eltern und unsere Geschwister? Um uns, die 80 Millionen arbeitenden Kinder in Afrika?" Die afrikanischen Kinder wollen, dass extrem harte Arbeitsbedingungen für Kinder öffentlich gemacht und verändert werden. Aber sie stellen auch fest: "Wir müssen arbeiten, wir haben keine Wahl. Wenn ihr uns helfen wollt, müsst ihr gegen die Armut kämpfen und uns bei der Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen unterstützen. Heute spricht man vom globalen Dorf. Wir arbeitenden Kinder aus Afrika verlangen unseren Platz unter dem Palaverbaum. Zu viele Beschlüsse wurden gefasst, ohne nach unserer Meinung zu fragen. Wir wollen an allen uns betreffenden Entscheidungen teilnehmen. Denn wer kann besser für uns sprechen als wir selbst?"

Das 1. Welttreffen der arbeitenden Kinder fand 1996 in Indien statt. Zur Zeit beraten arbeitende Kinder fast aller Kontinente auf dem 2. Welttreffen in Berlin. Ziel ist, sich auszutauschen und international als repräsentative Vertretung der arbeitenden Kinder der Welt anerkannt zu werden. Weltweit auftretende Organisationen wie IWF, Weltbank und WHO sollen sie hören und in Entscheidungen einbeziehen.

Artikel von Anja Tuckermann, in: Freitag, 30.04.2004