ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

"Marsmenschen im Bauchladen" - Artikel von Katharina Nickoleit in der Frankfurter Rundschau, 17.06.2005

Aktualisiert: 31.05.2011

Auch in der peruanischen Hauptstadt Lima müssen viele Kinder arbeiten, weil das, was ihre Eltern verdienen, vorne und hinten nicht für die Familie reicht. Der Kindernothilfe-Partner IFEJANT sorgt aber dafür, dass die Kinderarbeiter ordentlich bezahlt werden, dass sie nicht ausgebeutet und übers Ohr gehauen werden und dass sie trotzdem noch zur Schule gehen können.

Angestrengt runzelt David die Stirn und rechnet seine Rate aus. Umgerechnet drei Euro und 75 Cent muss er zurück zahlen. Der Elfjährige hat einen Kredit aufgenommen um sein eigenes Geschäft zu gründen. Er ist einer der unzähligen ambulantes, fliegenden Händlern, die in Lima an jeder Ampel und jeder Straßenecke Softdrinks, Bonbons oder Kekse verkaufen. Zwei Jahre Erfahrung als Eisverkäufer hat David bereits. Jetzt will er sich selbständig machen und sein Glück mit selbstgemachtem Eis, marcianos, zu Deutsch Marsmenschen, versuchen.

Um sein Darlehen von 40 Euro zu bekommen, musste David bei der Hilfsorganisation IFEJANT einen Geschäftsplan vorlegen: Geschäftsidee, Marktstudie, Kostenrechnung. Darüber beriet er sich mit Lady. Die ist 13, hat bereits sechs Jahre Erfahrung im Straßenverkauf und entscheidet als Juniorconsultant über die Kreditvergabe mit. Eis zu verkaufen hält Lady für eine profitable Sache – für den Sommer. Für die kühle Jahreszeit rät sie David zusätzlich Kekse in sein Sortiment aufzunehmen. Gemeinsam überlegen sie, an welcher Straßenecke es wenig Konkurrenz gibt, wo man am günstigsten kleine Plastiktüten bekommt, in die das Eis abgefüllt wird, und wie man es am besten präsentiert.

Kinderarbeit, das ist eine zweischneidige Sache. Am 12. Juni wird der internationale Tag gegen Kinderarbeit begangen, und im Westen ist man sich darüber einig, dass Kinder nicht arbeiten, sondern zur Schule gehen und spielen sollten. Doch die Realität sieht in den Entwicklungsländern anders aus. Ohne die Mithilfe der Kinder können viele Familien nicht überleben. „Einfach nur gegen Kinderarbeit zu sein, dass ist scheinheilig“ sagt Elvira Figueroa von der Hilfsorganisation IFEJANT. „Wer etwas gegen Kinderarbeit tun will, der muss dafür sorgen, dass die Eltern so gut bezahlt werden, dass sie auf das Einkommen ihrer Töchter und Söhne nicht angewiesen sind. Solange das nicht der Fall ist, können wir nur dabei  helfen, dass die Kinder unter möglichst guten Bedingungen arbeiten.“ Wichtig ist der von der Deutschen Kindernothilfe unterstützten Organisation deshalb vor allem, das die Kinder ihr Geschäft verstehen und möglichst hohe Gewinne erzielen.

Einmal pro Woche werden sie deshalb zu Schulungen eingeladen. 12 Kinder haben sich in der Hütte aus Spanplatten und Wellblech eingefunden. Das ist weit und breit das beste Gebäude hier in Nuevo Sol Naciente, einem Slum im Norden Limas, wo die Behausungen an den steinigen Wüstenhängen meist aus Bastmatten und Plastikplanen bestehen. Draußen reißen Männer die Straße auf. Nicht etwa, um Wasserrohre zu verlegen, sondern um nach großen Steinen zu suchen, die man als Baumaterial verkaufen kann. Es ist eine Gegend, in die sich nach Einruch der Dämmerung kein Taxifahrer mehr wagt. Für Elvira ist klar: „Entweder, wir geben den Kindern eine reelle Perspektive – oder sie werden früher oder später kriminell. Mehr Möglichkeit zum Überleben gibt es hier nicht.“

Heute schneidet sie ein besonders wichtiges Thema an: Wie behauptet man sich gegen die große Konkurrenz? „Preise senken“ kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Festen Kundenstamm aufbauen“ sagt Milena. Sie verschenkt zu jeder Cola, die sie verkauft, ein Bonbon. David führt Strichlisten: Wer zehn marcianos gekauft hat, bekommt ein weiteres geschenkt. Wichtig auch: Lächeln und ein freundliches Auftreten, ordentliche Kleidung, saubere und hygienische Bauchläden.

Die Kinder haben sich in der „Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Perus“, kurz NAT’s organisiert. Lady leitet die Ortsgruppe „Siempre independientes – Immer unabhängig“. „Wir treten für unser Recht auf Arbeit ein“ erklärt die junge Präsidentin selbstbewusst. „Und wir verlangen, von unseren Eltern nicht ausgebeutet zu werden“. Darunter versteht sie, nicht mehr als vier bis sechs Stunden pro Tag arbeiten zu müssen, damit genug Zeit für die Schule bleibt. Es sind Kinder, die kämpfen können. Sie müssen sich gegen ihre Eltern zur Wehr setzten und sie verteidigen ihre Ware auf der Strasse mit Fäusten. Arbeiten, das ist hier selbst für Kinder ein brutaler Überlebenskampf.

Lady ist sehr gespannt zu erfahren, was Kinder denn in Deutschland so arbeiten. Das Kinderarbeit in manchen Ländern verboten ist, findet sie ungeheuerlich. „Wie sollte ich denn dann meine Schulhefte bezahlen?“ fragt sie. Ihr Geschäft läuft inzwischen gut: 15 Euro Gewinn macht sie jeden Monat. Was davon übrig bleibt investiert sie in ein besseres Sortiment und bald will sie anfangen, etwas Geld zurück zu legen. Ob es reichen wird um zu studieren, um ihren Traumberuf Ärztin zu erlernen?

David hat einen Finanzplan aufgestellt. Die Kosten für das Geschäft hat er sorgfältig kalkuliert: Tütchen, Säfte, die Abgabe an den Nachbarn, in dessen Kühlschrank er seine marcianos einfriert. Auch seine Lebenshaltungskosten sind aufgeführt: Jeweils 80 Cent für Frühstück und Abendessen – ein Mittagessen ist nicht vorgesehen. Die Ausgaben für eine Hose, ein Hemd und Sandalen pro Jahr, umgelegt auf die Wochen. Schulsachen. Und die Extrawünsche: Kaugummi, Orangen, Cola. Und natürlich die Raten für den Kredit.

Bis vor einem Jahr wurde den Kindern ihr Startkapital geschenkt. Doch das hat sich nicht bewährt. Zu oft forderten die Eltern das Geld ein, um es in Bier umzusetzen. Gemeinsam mit den Kindern wurde entschieden, nur noch Darlehen zu vergeben. Die Rückzahlung klappt bislang reibungslos, vielleicht auch, weil die Kinder merken, dass man sie ernst nimmt, ihnen etwas zutraut. David jedenfalls präsentiert stolz das passend abgezählte Geld für seine erste Rückzahlung. Zufrieden betrachtet er Elviras Unterschrift in seinem kleinen Kreditheft. „Wenn das so weiter läuft, dann hab ich irgendwann meinen eigenen Laden“.

Artikel von Katharina Nickoleit in der Frankfurter Rundschau am 17. Juni 2005