ProNATs e.V. Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher

Arbeitende Kinder und Solidarische Ökonomie

Initiativen Solidarischer Ökonomien bedeuten eine Alternative zur Ausbeutung und eröffnen arbeitenden Kindern neue Möglichkeiten selbstbestimmter und kollektiver Erwerbstätigkeit. Einige Produkte solcher Kooperativen haben schon ihren Weg auf den internationalen Markt gefunden.

Die peruanische Kinderbewegung MANTHOC betreibt in Lima eine Bäckerei. Hier backen die Kinder selber Brötchen und verkaufen sie mit Erfolg. Das Konzept gibt es inzwischen in mehrere peruanische Städte.

In Lima betreibt MANTHOC ebenfalls eine Kartenwerkstatt. Die in Handarbeit hergestellten Glückwunschkarten werden inzwischen auch nach Deutschland importiert.

Was heißt Solidarische Ökonomie?

Unter dem Eindruck der wachsenden Erwerbslosigkeit und Armut, der Informalisierung und Deregulierung der Arbeitsverhältnisse sowie der Zerstörung der Lebensgrundlagen sind in den letzten Jahrzehnten in vielen Teilen der Welt Initiativen entstanden und wiederbelebt worden, die der entfesselten kapitalistischen Ökonomie mit anderen Ansätzen wirtschaftlichen und sozialen Handelns begegnen. Sie dienen in erster Linie der Selbsthilfe in Notsituationen und versuchen das Überleben zu gewährleisten. Aber in ihren grundlegenden Elementen verweisen sie auch auf eine andere, bessere Weise des Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens, die als praktische und zukunftsweisende Alternative zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung wirksam werden kann.

Solche alternativen Ansätze des Arbeitens und Wirtschaftens tragen verschiedene Namen wie Soziale Ökonomie, Solidarische Ökonomie, Gemeinwesenökonomie, Alternativökonomie, Lokale Ökonomie, Dritter Sektor usw.. Sie treten in verschiedenen organisatorischen Formen auf, z. B. als Genossenschaften, Kooperativen, Tauschringe, Suppenküchen, kommunale Werkstätten oder selbstverwaltete Betriebe (manchmal als Ergebnis von Besetzungen). Solidarische Ökonomie verkörpert den Wunsch, auf selbstbestimmte, „nicht-entfremdete“, „nicht-ausgebeutete“ Weise zu arbeiten und in sozialen Verhältnissen leben zu können, in denen die Menschen sich nicht bekämpfen, sondern füreinander einstehen. Die Idee begleitet die Geschichte des Kapitalismus seit ihren Anfängen. Sie fand einen frühen Ausdruck in den Vorschlägen und Initiativen der „utopischen Sozialisten“, später in verschiedenen Varianten der Genossenschafts- und Kooperativenbewegung, des Anarcho-Syndikalismus und schließlich verschiedener „Alternativbewegungen“. Seitdem hat sich eine Vielfalt von Vorschlägen, Initiativen und Projekten herausgebildet, die sich teils aus drängenden Notlagen, teils aus der Unzufriedenheit mit den Arbeits- und Lebensverhältnissen entwickeln.

Die zahlreichen Initiativen Solidarischer Ökonomie in verschiedenen Teilen der Welt haben schon dazu beigetragen, vielen Menschen das Leben zu erleichtern und bei ihnen neue Hoffnungen entstehen zu lassen. Doch eines ihrer Probleme ist darin zu sehen, dass die lokale Orientierung noch kaum mit einer umfassenden internationalen Perspektive verknüpft ist. Eine solche Perspektive ist aber notwendig, wenn man verhindern will, dass die jeweils lokalen Alternativen wieder in den Verwertungszusammenhang des globalen Akkumulationsprozesses einbezogen werden. Deshalb gilt es als unumgänglich, die Perspektive der Lokalisierung mit einer Globalisierung von unten und einem neuen, offenen Internationalismus zu verbinden. Dieser muss sich auch der Frage stellen, wie der im Weltmaßstab noch dominanten kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit ebenso weltweit vernetzten Strukturen Solidarischer Ökonomie entgegengewirkt werden kann.

Solidarische Ökonomie von Kindern

Das Interesse von Kindern an Solidarischer Ökonomie ergibt sich aus dem Umstand, dass ihnen in wachsendem Maße lebenswichtige Aufgaben zufallen, ohne dafür in der Gesellschaft Anerkennung zu finden. Im Zuge der Globalisierung nimmt die Zahl der Kinder zu, die in wirtschaftliche Prozesse einbezogen sind. Dies geschieht teilweise – vor allem, aber nicht ausschließlich im Süden –, indem die Kinder häufiger zum Lebensunterhalt beitragen müssen, teilweise – vor allem, aber nicht ausschließlich im Norden –, weil die Kinder in der Arbeit eine Möglichkeit sehen, sich ein größeres Maß an Autonomie und gesellschaftlicher Teilhabe zu verschaffen.

Für die weitaus meisten arbeitenden Kinder des Südens stellt sich nicht die Frage, ob sie arbeiten, sondern wie sie arbeiten. Dies wirft die weitergehende Frage auf, wie sich die Bedingungen beeinflussen lassen, unter denen sie arbeiten. Oder genauer: ob die Bedingungen ihrer Arbeit zu verbessern oder ob alternative Formen des Arbeitens anzustreben sind. In vielen Fällen sind die Möglichkeiten, die Bedingungen der Arbeit zu verbessern, äußerst begrenzt, oder sie werden von den Kindern als nicht ausreichend oder befriedigend empfunden. Wenn sich den Kindern – wie dies im Rahmen der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher häufig geschieht – die Möglichkeit eröffnet, sich über Alternativen zu ihrer gerade ausgeübten Arbeit Gedanken zu machen, streben sie in aller Regel eine Arbeit an, in der sie weitestgehend selbst bestimmen können oder in der zumindest auf sie Rücksicht genommen wird. Dieser Wunsch geht oft mit der Erwartung einher, dass die Arbeit nicht nur weniger hart, schwer und lang ist oder besser bezahlt wird, sondern insgesamt interessanter, abwechslungsreicher und kommunikativer ist und ihnen auch Bildungsmöglichkeiten eröffnet.

An diesem Punkt wird Solidarische Ökonomie für arbeitende Kinder interessant, und es ist gewiss kein Zufall, dass entsprechende Initiativen vor allem im Kontext von Gruppen und Organisationen arbeitender Kinder entstehen. Hier haben die Kinder mehr Möglichkeiten als in ihrem sonstigen Alltag, über Alternativen zu ihrer bisherigen Arbeit nachzudenken und mit anderen Kindern – vielleicht auch unterstützt von solidarisch denkenden Erwachsenen – gemeinsam entsprechende Initiativen zu ergreifen.

Kollektive Initiativen als Alternative zur Ausbeutung

Die von Kindern ausgehenden Initiativen Solidarischer Ökonomie können sehr verschiedener Art sein. Da sie in erster Linie dazu beitragen sollen, die eigene Lebenssituation zu erleichtern, unterscheiden sie sich je nach den Umständen, unter denen die Kinder leben. Im Süden sind die Initiativen meist auf die Überwindung persönlicher oder kollektiver Notlagen gerichtet, aber sie haben – ähnlich wie vergleichbare Initiativen im Norden – auch zum Ziel, ein freieres und autonomeres Leben zu ermöglichen. Als ökonomische Initiativen haben sie immer einen materiellen Kern, d. h. sie sind mit einer bestimmten Art von Arbeit oder wirtschaftlichen Aktivitäten verknüpft, die die Basis dafür bilden, dass die anvisierten Ziele erreicht werden.

Immer dann, wenn es zu weitergehenden Organisationsbildungen von Kindern kommt, entstehen auch dezidiertere und komplexere Versuche, Arbeitsformen zu schaffen, die mehreren zugleich in organisierter Form selbstbestimmtes Arbeiten ermöglichen. Im Kontext der Bewegungen arbeitender Kinder gehen diese Versuche über die ihnen sonst im Alltag möglichen Formen der gegenseitigen Hilfe hinaus. Sie werden verstanden als kollektive Versuche, ausbeuterische Arbeitssituationen durch Arbeitsformen zu ersetzen, in denen die ethischen Maximen der Solidarität, des Respekts und der Menschenwürde gewährleistet sind. Auf diese Weise entstehen z. B. im Rahmen der Bewegungen arbeitender Kinder Ansätze einer eigenen Ökonomie (meist in Form von Kleinkooperativen), die den Kindern ermöglichen, unter selbst bestimmten Bedingungen zu arbeiten und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Projekte in Afrika, Lateinamerika und Europa

In Afrika werden sie als sich selbst tragende ökonomische Projekte (self-sustaining economic projects), in Lateinamerika als solidarische ökonomische Initiativen (iniciativas solidarias económicas) bezeichnet. Vielfach werden sie ausdrücklich als Bestandteil einer Solidarischen Ökonomie verstanden, die über den Handlungsbereich der Kinder hinausgeht. Wo sie von eigenständigen Organisationen der Kinder und Jugendlichen ins Leben gerufen und getragen werden, dienen sie nicht nur der Verbesserung der materiellen Situation und der Erweiterung der Eigenständigkeit der unmittelbar beteiligten Kinder, sondern auch der Stärkung und Unabhängigkeit der Organisation. Die erzeugten Produkte und Dienstleistungen sind meist für die Nachbarschaft oder den lokalen Markt bestimmt, manche Produkte aber auch für den Export. In Italien sind sie – unter Vermittlung der Vertriebskooperative Equo Mercato – bereits Teil des Fairen Handels. In Deutschland beginnen sich die Weltläden und der Damian-Versand dafür zu interessieren.

In den relativ wohlhabenden Ländern des Nordens sind vergleichbare Initiativen von Kindern seltener anzutreffen. Aber auch hier findet sich bei Kindern eine breite Palette von Tätigkeiten, bei denen sie selbst den Ton angeben und die sich von den Arbeitsformen üblicher Schüler_innenjobs unterscheiden. Zu ihnen sind auch kooperative Arbeitsprojekte im Kontext von Nachbarschaftsinitiativen oder sozialpädagogischer Einrichtungen zu rechnen, die Kindern die Erfahrung bedürfnis- und gemeinwesenorientierten Wirtschaftens und unter Umständen auch ein selbst erarbeitetes Einkommen vermitteln.

Aktualisiert: 04.07.2010